von Vivienne – März 2005
Sinn oder Unsinn des Fasttages?
Die Fastenzeit ist jetzt wieder vorbei, aber trotzdem kommt man als gläubiger Christ nicht daran vorbei, dass sie mit einem Fasttag beginnt und einem schweren Fasttag quasi endet. Im Falle des Karfreitags heißt das, so weit ich das noch in Erinnerung habe, dass nur eine einmalige Sättigung am Tag erlaubt ist. Und außerdem der Genuss von Fleisch nicht zulässig ist. So weit so gut. Dass ich nicht zu den typischen Christen gehöre, ist regelmäßigen Lesern dieser Rubrik ohnedies längst aufgefallen, und so fällt es mir natürlich schwer, dieses eherne kirchliche Gesetz so ohne weiteres hinzunehmen ohne es zu durchleuchten.
Ich denke nicht, dass es sehr viel Sinn macht, den Todestag Christi (oder im Falle des Aschermittwoch: der Versuch des Teufels, ihn in der Wüste in Versuchung zu führen) durch fleischloses Essen und ein gezieltes Fasten zu ehren. Meiner Meinung nach bringt es in diesem Zusammenhang sehr viel mehr, wenn sich die Christen am Karfreitag intensiv mit der Bedeutung des Osterfestes und der Sinnhaftigkeit seines Leidens und Sterbens auseinandersetzen. Und das wirklich ernsthaft. In anderen Ländern wie etwa in Deutschland ist ja der Karfreitag längst der höchste Feiertag des Kirchenjahres, und in gewisser Weise ist mir unverständlich, warum gerade im Feiertagsland Österreich dieser Tag ein ganz normaler Arbeitstag ist (ausgenommen für die Protestanten, die zumindest in bestimmten Firmen und Unternehmen frei bekommen).
Was mich aber an der so genannten fleischlosen Kost, zu der die gläubigen Christen am Karfreitag verpflichtet sind, am meisten stört, ist diese Verlogenheit die darin steckt. Fisch und Meeresfrüchte sind nämlich erlaubt, und das ist mehr als nur kurios. Denn tierisches Eiweiß ist tierisches Eiweiß, ob es nun vom Schwein, vom Rind oder vom Fisch ist. Meiner Meinung nach stellt das nur ein Hintertürl für diejenigen dar, die sich nicht so gern dem Fastengebot beugen wollen. Fisch, liebvoll zubereitet, kann nämlich ein hervorragendes Gericht sein, köstlich, bekömmlich und ganz besonders auch ein lukullischer Genuss. Und der soll am Karfreitag (zumindest zur einmaligen Sättigung) erlaubt sein, während die banale Extrawurstsemmel de facto einen Affront gegen Gott und die Kirche darstellt? Kommt Ihnen das auch etwas merkwürdig vor?
Tut mir leid, ich zumindest kann das nicht nachvollziehen. Ich möchte hier niemandes Gefühle verletzen, und es liegt mir auch fern, die Leute allgemein gegen Fasttage aufzuwiegeln. Jeder nach seiner Fasson, jeder wie er möchte und ich gebe offen zu, dass ich selber am heurigen Karfreitag kein Fleisch zu mir genommen habe. Ich habe kein Problem damit, immer wieder mal auf Fleisch zu verzichten und gehöre auch nicht der Klasse an, die justament am Fasttag einen Schweinsbraten oder eine Rindsroulade brauchen. Ich hinterfrage nur die Handhabung des Ganzen. Zum Beispiel bin ich auch davon überzeugt, dass beide Fasttage einhalten allein nichts bringt. Ursprünglich war wohl die gesamte Fastenzeit sehr weise als eine Art Auffrischungskur des Organismus vorgesehen, mehr oder weniger zur Entgiftung und Entschlackung des Körpers, vor Beginn des Frühjahrs.
Also keine schlechte Sache an sich und heute in unserer Konsumgesellschaft wohl aktueller denn je. Nur heutzutage sieht es so aus, dass am Aschermittwoch zum Schlemmen des Heringsschmauses aufgerufen wird und am Karfreitag ein Alibifasttag praktiziert wird, üblicherweise halt fleischlos (Wer hält sich wirklich noch an die einmalige Sättigung?), und alle Verweigerer mit Schnitzel und Backhendl werden scheel angesehen. Dabei sollte man doch die ganzen vierzig Tage zuvor seinem Körper schon mit einer gezielten Diät etwas Gutes tun. Dann macht ein Aschermittwoch, dann macht ein Karfreitag Sinn, auch heute noch. Speziell für die Leute, denen die religiöse Komponente zusätzlich am Herzen liegt.
Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass es Christus eher periphär am Herzen liegt, ob die Glaubensgemeinde seinem Tod mit einem korrekt fleischlos zelebrierten Fasttag gedenkt. Es passiert auf dieser Welt so viel Unrecht und Leid, dass dieser Aspekt sich fast banal dagegen ausnimmt. Trotzdem, das sei noch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt, rede ich niemandem drein, welchen Standpunkt in der Sache er vertritt. Ich stehe aber durchaus auch zu meiner Skepsis und meinen Überlegungen, weil ich denke, dass viel zu wenig Leuten die hintergründige Bedeutung der Fastenzeit und der beiden großen Fasttage bewusst ist. Und sie viel zu viel einfach hinnehmen, weil es immer schon so gewesen ist
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