Neue Bohnen Zeitung


KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne  –  Dezember 2003


…and the Cash rolls on…

Weihnachten steht vor der Tür. Fast eine Drohung schon, diese Feststellung. Der heutige heimliche „dritte Adventsamstag“, der 8. Dezember, hat dem Vernehmen nach ab 10:00 Uhr Vormittag in den Einkaufszentren wieder jede Menge Umsatz gebracht. Der Umsatz rieselt nicht leise wie der nicht vorhandene Schnee sondern er bringt die Kassen laut zum Klingeln. Praktisch, wenn unsereins am Feiertag einkaufen kann, während vor allem in den Supermärkten vorwiegend weibliches wie schlecht bezahltes Personal besonders um Weihnachten, wenn die große Schlacht um den meisten Umsatz und um die meisten Zuwächse ausgetragen wird, im Geschäft steht. Und dieses Handelspersonal ist es auch, dass in diesen Wochen und Monaten seine Freizeit und sein Privatleben zumindest vorübergehend zu Grabe tragen muss.

Ja, ich weiß, wir müssen jede Woche solange wie möglich einkaufen können, auch Samstags, und bald wird man uns auch immer heftiger suggerieren, dass Shopping an Sonn- und Feiertagen ohnedies das allertollste ist. Wen kümmern die Leute, die in diesem Gewerbe arbeiten, und die von einem normalen, freien Wochenende oder einem Winterurlaub zu Weihnachten vor lauter Urlaubssperren nur träumen können? Wer im Handel arbeitet, ist wirklich ein armes Schwein, man verzeihe mir diesen Vergleich, aber die Jobs sind teilweise nur auf Teilzeitbasis aufgebaut, hundsmiserabel bezahlt und auf das Privatleben wird auch keine Rücksicht genommen.

Schlecht für die Liebe, wenn man nur einen gemeinsamen Tag in der Woche hat und jederzeit auch ein eventueller freier Tag unter der Woche kurzfristig den Firmeninteressen geopfert werden muss. Natürlich haben auch die Handelsangestellten eine Gewerkschaft, aber die lässt ihre Leute anscheinend schmählich im Stich. Teilweise im Großhandel schon Öffnungszeiten bis 22:00 Uhr, Samstags geht’s jetzt auch bis 18:00 Uhr, und die großen Handelsketten knabbern auch immer mehr am Tabuthema Sonn- und Feiertagsarbeit – und trotzdem hört man von der Katholischen Kirche mehr Stimmen gegen diese Bestrebungen als von der zugehörigen Gewerkschaft.

Warum geplante Öffnungszeiten am Sonntag? Warum überhaupt samstags bis 18:00 Uhr? Im Grunde ist es doch so, dass jeder Österreicher, jede Familie ein bestimmtes Budget zum Ausgeben zur Verfügung hat und eben nicht mehr. Ich bestreite nicht, dass es „in“ ist, auf Pump zu leben oder zu kaufen, aber wer nicht Vorsorge trägt, ausgeliehenes Geld oder Kredite zeitgerecht zurückzuzahlen, wird mit dieser „facon de vivre“, mit diesem Lebensstil schnell baden gehen. Daher wird sich der Umsatz durch solche Vorstöße in Richtung „Rund-um-die–Uhr-Shopping“ sicher nicht erhöhen, zumindest nicht wesentlich und nicht auf Dauer – aus obig angeführten Gründen.

Das heißt: die Handelsketten und Großkaufhäuser können sich nur gegenseitig was wegnehmen, also eine „Umschichtung“ des Umsatzes bewirken. Und wer bleibt dabei auf der Strecke? Die kleinen Unternehmen, die bei solchen Aktionen, bei denen weniger der Gewinn als der Umsatz im Brennpunkt des Interesses stehen, nicht mithalten können: der Greißler um’s Eck, die Drogerie in der Seitenstraße, die kleine Bäckerei, die noch ein  Familienunternehmen war oder das Spielzeuggeschäft, wo Oma noch eingekauft hat. Die Firmen, die diese Einbußen noch wegstecken können, reduzieren dann ihr Personal, noch weniger Leute müssen noch mehr Arbeit leisten, aufgeteilt auf 6 volle Arbeitstage. Überstunden steigen Ende nie.

Beim „idealen“ Handelschef wird der fleißige und flexible Handelsangestellte – in Linz in einer Großhandelsfirma beobachtet – dann noch angehalten, wegen der explodierenden Überstundenzahlen, diese irgendwann einmal nicht mehr anzuführen sondern eben kostenlos zu leisten. Ob so eine Rechnung aufgeht? Man soll allerdings nicht notwendigerweise annehmen, dass kleinere Unternehmen ihr Personal besser behandeln. Auch da gibt es extreme Beispiele, wie z.Bsp.  versucht wird, unter dem Kollektivvertrag zu bezahlen. Erlaubt ist, was die Gewerkschaft hinnimmt, und die sieht im Gegensatz zum großen Bruder bei den ÖBB einfach zu, wie eine Berufsklasse immer schlechtere Arbeitsbedingungen und lachhafte Gehälter hinnehmen muss.

Was macht den Handel zur „wenig schützenswerten“ Klasse? Wie schon an anderer Stelle und wiederholt angeführt, haben es die Beamten oder die Staatsbetriebe leichter, unterstützt zu werden. Was gäbe das für einen Aufruhr, wenn alle Supermarktangestellten nur einen Tag streiken würden? Allein, die zuständige Gewerkschaft käme nicht im Traum auf den Gedanken, derartiges zu organisieren oder nur als Drohung in den Raum zu stellen. Deshalb kann man nun auch schon sehr deutlich beobachten, dass Verkäufer und Verkaufspersonal seit etlichen Jahren im Grunde ohne Lobby zurechtkommen müssen.

Hand auf’s Herz: ist es nötig, dass ein Supermarkt am Heiligen Abend bis 15:00 Uhr geöffnet hat? Muss zu Silvester bis 17:00 Uhr ein Geschäft in Vollbesetzung offen halten? Muss der 8. Dezember unbedingt ein ganz normaler Einkaufstag sein? Letzteres wird man ohnedies kaum mehr ändern können, aber sollten wir Kunden nicht auch unser Geschäftsverhalten so einteilen, dass wir nicht am Samstag um 16:55 sozusagen auf dem letztem Drücker ein Geschäft stürmen müssen wegen eines Liter Milch, der sich bei zig anderen Gelegenheiten leichter hätte kaufen lassen?

Aber jeder ist sich selbst der Nächste. Wer nicht im Handel arbeitet, dem ist es egal, wie lange andere seinetwegen im Supermarkt stehen müssen. Nicht nur die Gewerkschaft schläft, auch bei den Kunden mangelt es an Solidarität. Während sich verärgerte Pendler wegen Kritik am ÖBB-Streik nämlich diese mangelnde Solidarität vorwerfen lassen mussten, fühlt kaum jemand mit einem schlecht bezahlten Verkäufer im Bauhaus oder einer Drogeriemarkt-Kassiererin. Ich betone, ich möchte da nicht grundlos Kritik üben, es fällt mir nur auf, und sehr negativ. Zweierlei Maß, leider. Wir lassen uns manipulieren and the cash rolls on…

Vivienne

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