Du bist schwanger?
Gabys Gesichtsausdruck wirkt auf mich wie fleischgewordenen Überraschung.
Wir sitzen wieder in unserem Stammcafè.
Bei Melange und Kuchen.
Schließlich sprudelt es aus Gaby heraus.
Warum habt ihr es so eilig gehabt?
Wie lange seid ihr jetzt beisammen – vier Monate?
Und jetzt schon ein Kind?
Gaby zwinkert mir nach ihrem Ausbruch zu.
Sie droht mir spielerisch mit dem Zeigefinger.
Ihr konntet es wohl nicht mehr erwarten, was?
Ich lächle gepresst.
Zähle innerlich bis zehn.
Und versuche, meine beste Freundin so lange nicht anzusehen.
Meine beste Freundin, die mich heute wieder nervt ohne Ende.
Schließlich höre ich auf, meine Hände wortlos zu betrachten.
Das Baby war nicht geplant, Gaby.
In unserem Badezimmer liegt eine angebrochen Packung der Pille.
Ich weiß nicht genau, wieso es trotzdem passiert ist.
Der Frauenarzt meint wegen des ganzen Stress’ um Stefans Tod.
So was kommt vor.
Ich presse die Lippen aufeinander als ich Gaby hart fixiere.
Und um ehrlich zu ein – ich wollte nie ein Kind.
Gaby vergisst, ihren Mund zu schließen.
Ihre Finger spielen mit einem Stück Rohzucker, dass sie aus einer Schale genommen hat.
Tut mir leid.
Und was macht ihr jetzt?
Gabys blutroter Mund drückt Befangenheit aus.
Ich zucke die Achseln.
Frank wünscht sich das Kind.
Seine Ex-Frau wollte angeblich nie eines.
Ein Stoßseufzer entringt sich meiner Brust.
Er freut sich so auf den Nachwuchs.
Er ist total verändert… glücklich.
Ich ringe nach Worten.
Für ihn ein Traum, der endlich wahr wird.
Und ich kann ihm den nicht abschlagen.
Verstehst du?
Das macht die Sache… so endgültig.
Mir fröstelt unwillkürlich.
Gaby wirkt betroffen.
Dann nickt sie.
Ich verstehe.
Du hättest noch Zeit gebraucht…
Ich blicke auf.
Dankbar.
Gabys Worte tun unheimlich gut.
Wie ein Sonnenstrahl durch die Wolkenbank.
Du hättest Zeit gebraucht…
Darin liegt des Pudels Kern.
So viel Neues ist in den letzen Monaten an Neues auf mich zugekommen.
Mein Bruch mit Gabriel.
Und dann Frank.
Mein erster richtiger Freund seit so vielen Jahren.
Stefans grausamer Tod.
Und zuvor die Geburt seiner kleinen Melanie.
Und jetzt erwarte ich ein Kind.
Nicht unbedingt gewollt.
Und ohne eigene Nachlässigkeit.
Gaby legt ihre Hand auf meinen Arm.
Sie sieht mich warm an.
Vielleicht sollte es einfach so sein.
Schicksal.
Für dich hat im Sommer ein neuer Lebensabschnitt begonnen.
Verstehst du?
Gegen manche Dinge ist man machtlos…
Ich schüttle sacht den Kopf.
Das ist es.
Das wollte ich die ganze Zeit von jemandem hören.
Balsam auf der Seele.
Das, wofür ich Gaby liebe.
Neun Mal eine Nervensäge.
Und beim zehnten Mal die Stütze, die jedes Goldstück auf der Welt aufwiegt.
Sie versteht mich!
Der erste Mensch, der begreift, was in mir vorgeht…
Aber ich sage nichts.
Wortlos drücke ich ihre Hand.
Spüre, wie die schwere Last auf meinen Schultern leichter wird.
Vielleicht einfach Schicksal.
Und ich sollte dankbar sein.
Dankbar, dass auch Frank in mein Leben gekommen ist.
Ohne den ich das letzte halbe Jahr sicher nicht so leicht durch gestanden hätte.
Gaby unterbricht meine Gedanken.
Was sagen deine Chefs dazu?
Ich nippe an der Melange.
Wenig.
Sie wollen wissen, ob ich nachher wieder arbeiten gehe.
Aber sie warten grundsätzlich recht nett.
Ich nicke wie zur Bestätigung.
Das war nicht das Problem.
Ein Blick auf die Uhr.
Ich muss mich auf den Weg machen.
Ich verlasse das Lokal.
Gehe die paar Schritte unsere Straße hoch.
Beim Vorbeigehen bleibt ein kleines Kind stehen.
Ein hochblondes Mädchen.
Es lächelt mich an.
Und hält mir einen kleinen roten Ball hin.
Ich bleibe stehen.
Nehme den Ball.
Und lächle zurück.
Die blonden Locken stehen etwas zu Berge.
Schließlich springt es auf und läuft davon.
Dreht sich immer wieder um.
Um halb hinter einem Baum versteckt auf mich zu warten.
Scheinbar.
Denn als ich näher komme, ist das Mädchen plötzlich verschwunden.
Ich blicke den Ball an.
Und beschließe ihn zu behalten…
© Vivienne