Susi war verschwunden! Schon einen ganzen Tag lang war sie unauffindbar und wir hatten keine Ahnung, wo sie sich aufhalten konnte. Sie befand sich nicht im Garten, ihrem Lieblingsplatz im Sommer, und sie streunte auch nicht in der Umgebung herum. Stunden verbrachte ich nur um nach ihr zu rufen, Stunden, in denen ich Löcher in die Gegend sah, mich auf der Straße umblickte und sogar bei den Nachbarn hinter die Büsche blickte. Vergeblich – unsere junge Katze war einfach nicht auffindbar. Und wenngleich ich zuvor noch optimistisch gemeint hatte, ihr würde schon nichts passiert sein, hatte ich am morgen des zweiten Tages – Susi war gerade 24 Stunden weg – Sorgenfalten aufgesetzt.
Kein Wunder. Schließlich wusste ich, wie fahrlässig sich die Katze im Umgang mit Autos verhielt. Wenn sie im Jagdtrieb unterwegs war, bemerkte sie keine Gefahr rings um sich. Außerdem hielt ich mir vor Augen, wie schnell Susi immer mit anderen Katzen zu raufen begann. Selbst unseren Stocki hatte sie schon in einem günstigen Moment umgeworfen und wollte ihm spielerisch an die Kehle. Der Rote war daraufhin sehr wütend geworden und hatte den Spieß schnell umgedreht. Trotzdem konnte man nicht ausschließen, dass ein anderer Kater nicht noch vergleichsweise harmlos mit Susi umspringen würde, wenn sie ihre ungezügelte Rauflust an ihm ausleben hätte wollen. Nein, es gefiel mir nicht, dass Susi nicht neben dem Kaminofen lag und im Schlaf leise miaute.
Aber wo hätte ich unseren Wildfang denn suchen sollen? Die Siedlung war groß, dazu verliefen bei uns die Felder gleich neben der Straße. Zum Wald war es dann auch nicht mehr weit. Hätte unsere Kleine vielleicht gar Jägern in die Hände fallen können? Je mehr ich darüber grübelte, desto unsicherer wurde ich. Sie würde mir fehlen, das wusste ich, sie hatte sich schon einen Platz in meinem Herzen erobert… Ich fror, als ich wieder einmal vor der Türe stand und nach Susi Ausschau hielt. Heute noch würde mein Freund mich abholen und wir würden uns einen schönen Abend machen. Und ich hatte so gar keine Lust darauf – Susis Verschwinden hatte sich auf mein Gemüt geschlagen. Aber das hätte ich Georg nicht erklären können, nur… Ja, eben doch nicht nur.
Georg verstand mich auch ohne große Worte. Zusammen mit mir suchte er noch einmal den Garten ab und fuhr mit mir in der Nachbarschaft herum. Wir stiegen aus und riefen nach Susi. Aber unser dunkel getigerter Wildfang ließ sich nicht blicken. Schließlich zog ich mich um und mein Freund und ich fuhren los. Ich musste dabei an Stocki denken, der zufrieden schnurrend vor dem Ofen gelegen war, als wir aufbrachen. Stocki würde Susi nicht im Geringsten vermissen, das war mir schon klar. So gut aufgelegt wie an diesem Tag hatte ich Stocki schon lange nicht gesehen, schließlich hatte er sich auch nicht mit der kleinen Katze herumärgern müssen… Aber dann schob ich unsere Katzen aus meiner Gedankenwelt. Mit Grübeln würde ich Susi auch nicht herbeizaubern…
Der Abend war wunderschön. Georg und ich waren im Kino und danach gingen wir noch in ein Restaurant. Das Handy kontrollierte ich ständig auf Nachrichten, schließlich hätte ja sein können, dass Susi unerwartet aufgetaucht wäre. Es meldete sich aber niemand von daheim und ich rief auch nicht an. Das traute ich mich nicht. Am frühen Morgen machten wir uns auf den Heimweg. Es war stockdunkel, als Georg in unsere Straße einfuhr, weiter oben umdrehte und schließlich neben unserem Haus die Handbremsen anzog. Wir stiegen aus, als ich neben dem Flieder ein paar glühende Augen sah, die mich unverwandt anblickten. Susi? Ich trat näher! Mein Gott, unsere Susi! Sie miaute leise und schnurrte um meine Beine. Ihr Fell fühlte sich eiskalt an und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wo hatte sich der kleine Wildfang die letzten beiden Tage nur versteckt gehabt?
Georg und ich fütterten die Kleine, und als wir schlafen gingen, folgte sie uns und machte es sich schnurrend in meinem Bett bequem. Gott sei Dank war es groß genug für drei und Georg lachte, als er mein Freude über das unerwartete Auftauchen der Katze beobachtet. Er meinte, es wäre wahrscheinlich nur von Vorteil, wenn er auch einmal für ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden würde… Ein kleiner Seitenhieb, aber nicht böse gemeint. Meine Freude war schließlich nachvollziehbar, auch wenn uns Susi nicht verriet, wo sie sich herumgetrieben hatte…
Vivienne