Katzen können an sich ganz gut untereinander auskommen. Im Grunde sind sie aber Einzelgänger. Unsere Minki, die alte Katzendame, ist ein Musterbeispiel dafür. Wann immer sie Junge hatte, war sie in den ersten Monaten die fürsorglichste Mutter, die sich für die Kleinen aufopferte. Aber sobald der Nachwuchs heranwuchs und selbständig wurde, schlug die Mutterliebe in eine immer deutlicher werdende Abwehrhaltung um. Die Kinder durften immer öfter mit Tatzenhieben rechnen, und wir waren dann immer schon froh, wenn wir gute Plätze für sie hatten. Stocki blieb uns allerdings, als einziger von insgesamt drei Katern, die wir im Laufe der Jahre behalten hatten wollten.
Ihm allein gelang es, sich erfolgreich gegen Minki durchsetzen, die im Laufe der Jahre eine sehr eigenwillige Persönlichkeit entwickelt hat. Allerdings dauerte es auch in seinem Fall eine gewisse Zeit, bis er genug Mut und Grips dazu hatte. Seine Körpergröße half ihm da ganz gewaltig, trotzdem passierte es ihm in den ersten Jahren seines Lebens immer wieder, dass ihm die eigene Mutter die Beute abnahm, die er eben erst gefangen hatte, ob es nun ein Vogel oder eine Maus war. Minki fiel ihn nämlich einfach an, sie lauerte in einem Hinterhalt auf ihn und nutzte das Überraschungsmoment schamlos aus. Stocki ist ein unheimlich gutmütiger Charakter (ganz abgesehen von seien Raubtierambitionen), ganz im Gegensatz zu seiner schwer neurotischen Mutter und das war der Hauptgrund dafür, dass er sich diese Behandlung einige Jahre gefallen ließ.
Aber vor einiger Zeit besann er sich dann doch eines Besseren und schlug zurück. Im wahrsten Sinn des Wortes. Und setzte sich als das deutlich größere und stärkere Katzentier auch fast immer durch. In der Folge ließ er sich auch keine erlegten Beutetiere mehr abjagen. Die Rivalitäten wurden allerdings an einer anderen Front, an der Futterschüssel fortgesetzt. Katzen sind sehr subtile Tiere und zu größeren und kleineren Bosheiten untereinander fähig. Fressen aus dem Napf des jeweils anderen, damit sich der der oder die ärgert und sich vor lauter Beleidigtsein in ein Versteck verzieht, kommt regelmäßig vor. Genauso oft beobachte ich, dass sich die Katzen überfressen, bis sie schon nicht mehr können, nur damit dem Rivalen weniger Futter bleibt.
Ein sehr ärgerlicher Sachverhalt. Nicht nur, dass der Verbrauch an Katzenfutter bei uns schon fast astronomische Auswüchse annimmt. Als noch weniger lustig erweist sich die Nebenwirkung, dass sich die Katzen wegen dieses unnatürlichen Fressverhaltens auch immer wieder übergeben müssen. Da sie diesen Reflex nicht steuern können, passiert dann das Malheur leider dann und wann auch auf einem meiner Teppiche oder im Wohnzimmer meiner Eltern. Schimpfen nutzt da wenig. Diese Bosheiten und Gemeinheiten untereinander werden wohl erst dann ein Ende finden, wenn eine der Katzen in den ewigen Samtpfotenhimmel eingegangen ist. Was aber hoffentlich noch dauert – ich möchte nämlich trotzdem keinen der beiden missen.
Erziehungsmaßnahmen fruchten halt leider nur sehr wenig. Als ich Minki vor ein paar Wochen wegen eines derartigen Anfalls bei mir für einige Tage meiner Räumlichkeiten verwies, beleidigte ich sie damit zu Tode. La grande Dame fühlte sich nämlich nicht im Geringsten schuldig. Mit gesträubtem Fell und eingezogenen Ohren zeigte sie mir die kalte Schulter und fraß sich gleich wieder einen Stock weiter oben gierig voll. Mein Stocki hatte das Nachsehen, aus grünen Augenschlitzen beobachtete er betroffen, wie das Futter immer weniger wurde. Aber ein merkwürdiger Ehrenkodex hält beide Tiere davon ab, gleichzeitig und miteinander zu fressen.
Schließlich begehrter er Auslass. Ich öffnete ihm die Haustür, wo er gleich schnurstracks zum Rapsfeld gegenüber unserem Haus stürmte. Neugierig geworden beobachtete ich ihn, und schon wenige Minuten später kehrte er mit einer riesigen Maus wieder. Schreiend lief er mit der Beute im Maul auf mich zu, ließ sich streicheln und verzehrte sie gleich neben mir. Minki tapste mittlerweile ihrerseits bedächtig die Stiege hinunter. Ihr Bauch wölbte sich kugelrund unter dem Fell und als sie den Kater beim Schmausen erspähte, fauchte sie kurz und sprang über ihn hinweg nach draußen. Sehr viel behänder, als man nach der schweren Kost annehmen hätte sollen…
Vivienne