Gespannt machte ich mich heute nach der Arbeit auf den Heimweg. Meine Schwester hatte sich angesagt: sie würde uns ein kleines Kätzchen vorbeibringen. Sechs Wochen alt und grau getigert. Eigentlich freute ich mich schon sehr. Immerhin waren seit Minkis Tod am Ostersonntag mehr als drei Monate vergangen. Drei Monate in denen ich zumindest zuletzt sehr intensiv nach einer Nachfolgerin für unsere unvergessene „Grande Dame“ gesucht hatte. Wohl gemerkt nach einer Nachfolgerin, aber nicht nach Ersatz, den gab es für Minki nicht. Mein Bruder sperrte sich überhaupt gegen eine neue Katze, eben deswegen. Und wie würde wohl Stocki, Minkis Sohn, auf einen anderen Hausgefährten auf vier Pfoten reagieren?
Als ich heimkam, lag das Kätzchen schon in einer kleinen Schachtel, voll mit alten Shirts und Ähnlichem. Damit sie es schön weich hatte. Und Stocki reagierte befremdet auf die kleine Katze. Zuerst leckte er sie ab, dann lief er davon. Fauchend und mit zitterndem Schweif. Er war alles andere als entzückt. Zuerst lief er aus Trotz sogar nach draußen, obwohl es heftig regnete. Beleidigt saß er dann mitten in einem Maisfeld und bemühte sich, leidend auszusehen. Und das konnte er! Dummer Kater! dachte ich mir. Ich lockte ihn aus dem Feld und trug ihn dann zurück ins Haus. Dort fraß er das Futter der kleinen Katze und verkroch sich schmollend in sein Lager. Also widmete ich mich wieder der kleinen Katze. Susi wollten wir sie nennen. Susi miaute immer wieder. Offensichtlich suchte sich nach ihrer Mutter.
Wir füllten ihren Futternapf wieder auf und die Kleine leckte den Milchersatz für kleine Tiger aus einer weiteren Schüssel. Sie fürchtet uns noch, der heutige Tag war sicher nicht leicht für sie gewesen. Zuerst weg von der Katzenmama, dann am Vormittag in der Arbeit bei meiner Schwester und nun wieder bei ganz fremden Leuten. Und da war noch Stocki, das große Monstrum. Eben wagte er sich wieder ins Wohnzimmer. Dann sträubte sich wieder jedes Haar an seinem schönen Fell und er lief mit einem Ausdruck der Empörung davon. Ob er sich je an Susi gewöhnt? fragte ich mich mit großer Skepsis. Immerhin war er zehn Jahre alt, und außerdem hatte er doch die Gene von Minki geerbt, einer kapriziösen wie neurotischen Katze, die uns so manche Lektion in gelebter Sturheit erteilt hatte…
Stocki drängte also wieder nach draußen. Ich schloss nachdenklich die Tür hinter ihm. Oben ertönte aber schon wieder das feine Miauen der kleinen Susi. Was war los? Nichts weiter oder besser gesagt: ganz im Gegenteil. Susi hatte das Katzenklo entdeckt und nutzte es gleich sehr effektiv. Toll, dass unsere neue Katze von Anfang an so viel Begeisterung zeigte, ein „sauberes“ Leben bei uns zu führen. Susi tapste unsicheren Schrittes durch das Wohnzimmer. Sie schnupperte an meinem Rucksack und sie lief zur Couch. Als meine Mutter sie hochhob, protestierte sie wieder leise. Ich nahm sie auf meinen Schoß, aber dort gefiel es ihr nicht. Sie rutschte mit allen vieren an meinen Beinen herunter und lief wieder zu ihrem Lager. Dort rollte sie sich ein.
Ich folgte ihr und begann sie zu streicheln. Susi drehte sich auf die Seite, zeigte mir ihren Bauch und ließ sich herab leise zu schnurren. Ich war überzeugt, in ein paar Tagen würde sie sich eingewöhnt haben. Nun sah ich sie mir genauer an. Die kleine Susi war hübsch getigert, nur ihre Pfoten und Teile des Schweifes waren weiß. Das Fell war etwas länger – meine Schwester hatte mir verraten, dass sich in der Reihe von Susis Vorfahren eine Halbangorakatze befand. Deshalb war das Fell auch so weich, richtig zum Schmusen und lieb haben. Ich war mir sicher, auch mein Bruder würde seine Vorbehalte rasch ablagen und dem Charme von Susi erliegen – und das, obwohl er ihr momentan noch die kalte Schuler zeigte. „Wir brauchen keine andere Katze!“ hörte ich seine empörte Aussage wieder im Ohr. Nein, da war das letzte Wort noch nicht gesprochen!
Ich begab mich wieder nach draußen, vor die Haustür. Laut rief ich nach Stocki, aber er ließ sich nicht blicken. Kein verräterisches orangerotes Leuchten im Maisfeld, auch sein sein kraftvolles Miauen war nicht zu hören. Mir war klar, dass Stocki unter Umständen aus verletztem Stolz auch lieber eine ganze Nacht im Regen verbringen könnte als wieder ins Haus zu kommen, und sei es nur um zu fressen. Abwarten, hieß die Devise. Immerhin war es nun leicht sonnig, und vielleicht würden die nächsten Stunden auch trocken bleiben….
Vivienne