Die große Stunde

„Geht es Ihnen gut?“ Stöhnen. „Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?“ Murmeln.
„Ein Arzt? Ich lasse einen ausrufen.“ Zugbegleiterin ab.
Jetzt drehe ich mich doch um. Eine Mittfünfzigerin sitzt am Boden, bleich, den Kopf in den
Händen. Na hoffentlich kein Herzinfarkt. „Wenn ein Arzt an Bord ist: bitte kommen Sie in
Wagen 23.“ 1 Wiederholung.
Die Frau steht jetzt wieder, wankt sogar zu ihrem Platz zurück. 2 Ärztinnen kommen, die
schöne junge Blonde bleibt. Übelkeit? Fragt sie. Ja. Schwindel? Ja. Öfter mal niedriger
Blutdruck? Ja. Die Ärztin nickt wissend und sieht bezaubernd aus. Alle Fahrgäste himmeln
sie bewundernd an, sie strahlt Ruhe und Kompetenz aus.
Die Mittfünfzigerin beginnt plötzlich zu würgen, die Fahrgäste halten den Atem an. Ich
kann nicht sehen, ob sie kotzt, aber riechen kann man nichts.
Die blonde Ärztin übernimmt nun das Kommando, hetzt das Zugpersonal herum: die
Notarzttasche, eine Schüssel, ein nasser Lappen, helfen Sie mir mit der Frau, wir bringen
sie in die Erste Klasse.
Wir halten den Atem an, wir sind im Emergency Room, im General Hospital, wir warten
gespannt auf das Summen des Defibrillators, aber dann sind sie auch schon in das andere
Abteil verschwunden.
Nun das Warten vor der Notaufnahme, was werden wir im Gesicht der Ärztin lesen
können? Nach harten 10 Minuten kommt sie zurück. Sie wirkt erschöpft, aber wir sehen,
die Krise ist überwunden. Eine Haarsträhne fällt ihr dekorativ in die Stirn. Fast hätten wir
geklatscht.
Aber irgendwann, irgendwann wird eine andere Durchsage kommen: „Haben wir eine
Literaturwissenschaftlerin an Bord? Bitte begeben sie sich in Wagen 20.“
Ich treffe im Wagen 20 mit einem Kollegen zusammen, der sofort erkennt, dass ich
(Schwerpunkt Gegenwartslyrik) hier (ein Durs-Grünbein-Problem) mehr ausrichten kann
als er (Schwerpunkt: DDR-Roman). Angespannt beobachtet mich das Publikum.
Ich drücke alle Schmerzpunkte, kuriere sein Verhältnis zur Schädelbasislektion, der
Patient seufzt erleichtert und befreit auf. Ich tätschele ihm noch einmal die Schulter, eine
Haarsträhne fällt mir dekorativ in die Stirn und die Leute beginnen zu klatschen.

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